In den letzten Wochen haben uns vermehrt Anfragen zu Performance- bzw. Laufzeitproblemen erreicht: Besonders betroffen sind Auswertungen, Sammler/Überweisungen und Eingaben in dialoglastigen Masken.
Dieser Beitrag erklärt die wahrscheinlichsten Ursachen und führt durch konkrete Maßnahmen, die gemeinsam mit Ihrem technischen Ansprechpartner sicher und nachvollziehbar umgesetzt werden können.
TL;DR – Schnellüberblick
- Häufige Haupttreiber: SMB‑Signierung ab Windows 11 24H2 (zusätzlicher Overhead bei Datei‑I/O), TCP‑Profilwahl „Internet“ statt „Datacenter“ auf LAN‑Verbindungen, AV‑On‑Access‑Scans, WLAN‑Latenzen/Treiber, sowie Access‑Design (gemeinsames Frontend, fehlende Indizes/Optionen).
- Erste Hilfe: Lokalen Gegencheck, LAN statt WLAN, Standarddrucker temporär auf Microsoft PDF, AV‑Ausnahmen für ACCDB/LACCDB, aktuelle NIC‑Treiber.
- Gezielte Tests: SMB‑Signierung nur kurzfristig für Messung lockern (Trusted LAN), TCP‑Template prüfen (AppliedSetting).
1) Symptome richtig deuten
Typische Anzeichen aus der Praxis:
- Vorgänge dauern minutenlang bis zu einer Stunde, besonders Auswertungen und Sammelprozesse.
- Alle Arbeitsplätze betroffen, unabhängig von der Benutzerzahl.
- Lokal gebundene Datenbank ist deutlich schneller als die Netz‑Variante.
- Lock‑Datei (*.laccdb/*.ldb) bleibt scheinbar bestehen, solange Prozesse arbeiten.
Folgerung: Der Flaschenhals liegt meist im Netzwerk‑/Protokoll‑Stack plus Dateifreigabe‑I/O, nicht in der Anwendung selbst.
2) Die häufigsten Ursachen (einfach erklärt)
- Erzwungene SMB‑Signierung (ab 24H2/Server 2025)\ Jede SMB‑Nachricht wird kryptografisch signiert. Bei Access entstehen sehr viele kleine, synchrone Datei‑Operationen – der zusätzliche Overhead macht sich stark bemerkbar.
- TCP‑Profil „Internet“ auf LAN‑Verbindungen\ Windows nutzt TCP‑Templates; Datacenter ist für niederlatente LANs optimiert, Internet für höhere Latenzen. Wenn LAN‑Flows fälschlich mit Internet laufen, kommen unnötige Verzögerungen hinzu.
- AV/EDR‑On‑Access‑Scan\ Virenschutz prüft *.accdb/*.laccdb auf dem Share in Echtzeit – jeder Lock/Unlock und jede kleine I/O wird gebremst.
- WLAN‑Latenz/Treiber\ Bestimmte WLAN‑Treiber/Builds erhöhen Latenz/Jitter. Access reagiert empfindlich.
- Access‑Design & Optionen\ Gemeinsames Frontend auf dem Share, Subdatasheets, AutoNameCorrect, fehlende Indizes, fehlende persistente Backend‑Verbindung – alles Faktoren, die Netzwerk‑I/O verstärken.
3) Schritt für Schritt – Diagnose & Maßnahmen
Wichtig: Änderungen immer dokumentieren und auf ein bis zwei Referenz‑Clients testen. Für heikle Tests (SMB‑Signierung) ausschließlich im vertrauenswürdigen LAN und nur kurzzeitig.
Schritt 1 – Basismessung (Pflicht)
Ablauf
- Ist‑Zustand messen: Einen betroffenen Vorgang (z. B. Sammler erstellen/aktivieren) mit Stoppuhr messen – Backend auf dem Netzlaufwerk.
- Kontrolltest lokal: Backend testweise lokal auf den Client kopieren, gleiches Szenario messen.
- Vergleichen: Ist lokal deutlich schneller, ist der Netz‑/Protokoll‑Stack der Hauptkandidat.
Schritt 2 – Offensichtliche Bremsen ausschließen
- LAN statt WLAN testen (Kabel einstecken, gleichen Vorgang messen).
- Standarddrucker testweise auf „Microsoft Print to PDF“ setzen; Reports/Listen neu messen.
- AV‑Ausnahmen für Pfad und Dateitypen *.accdb, *.mdb, *.laccdb, *.ldb sowie den Programmordner eintragen (Server und Client) und erneut messen.
- NIC‑Treiber aktualisieren (speziell Intel AX2xx), Energiesparoptionen der Netzkarte deaktivieren.
Schritt 3 – TCP‑AppliedSetting prüfen
PowerShell (als Administrator):
Get-NetTCPConnection |
Select-Object LocalAddress,LocalPort,RemoteAddress,RemotePort,State,AppliedSetting |
Sort-Object AppliedSetting -Descending
“
- Prüfen, welche AppliedSetting die LAN‑Verbindungen haben.
- Zielbild: Für LAN‑Flows sollte Datacenter (oder ein Datacenter‑Custom) zur Anwendung kommen.
Schritt 4 – SMB‑Signierung nur testen, nicht abschalten
Sicherheits‑Hinweis: SMB‑Signierung schützt vor Manipulation/Relay. Dauerhaftes Abschalten ist nicht empfehlenswert. Der folgende Schritt dient ausschließlich zum Kurztest mit direktem Rückbau.
Clientseitig temporär lockern (nur Test, Trusted LAN):
# Signierung NICHT erforderlich (Test!)
reg add “HKLM\SYSTEM\CurrentControlSet\Services\LanmanWorkstation\Parameters” ^
/v RequireSecuritySignature /t REG_DWORD /d 0 /f
net
- Vorgang erneut messen.
- Danach zwingend Rückbau:
# Signierung wieder ERFORDERLICH
reg add “HKLM\SYSTEM\CurrentControlSet\Services\LanmanWorkstation\Parameters” ^
/v RequireSecuritySignature /t REG_DWORD /d 1 /f
net stop workstation & net start workstation
“
Interpretation:
- Deutlich besser mit gelockerter Signierung → SMB‑Overhead bestätigt.
- Nachhaltige Wege siehe unten („Langfristig“).
Schritt 5 – TCP‑Handling gezielt optimieren (nur Windows 10/11, keine Server)
Nur mit Wiederherstellungspunkt/Backup der ursprünglichen Einstellungen arbeiten.
- a) AppliedSetting beeinflussen (konservativ)\ Ziel: Für LAN‑Workloads das Datacenter‑Profil verfügbar machen.
# Aktuelle TCP-Settings anzeigen
Get-NetTCPSetting
# Optional: ECN aktivieren (vorsichtig, nur wenn keine Altgeräte stören)
netsh int tcp set global ecn=enabled
# Datacenter-Custom bereitstellen (falls nicht vorhanden) und DCTCP setzen
netsh int tcp set supplemental template=Datacenter congestionprovider=DCTCP
net
Hinweis: Welche Templates effektiv greifen, entscheidet Windows dynamisch (RTT u. a.). Ziel ist, Datacenter‑Parameter für LAN sicher verfügbar zu machen. Nach einem Neustart erneut Get‑NetTCPConnection prüfen.
- b) Optional: Offload‑Features prüfen\ Bei manchen NICs lohnt es, RSS/RSC/EEE/Interrupt Moderation testweise zu deaktivieren und zu messen. Das ist treiber‑ und umgebungsabhängig:
# Beispielhaft – erst auf EINEM Test-Client probieren
netsh int tcp set global RSS=disabled
netsh int tcp set global RSC=disabled
# Energiesparfunktionen der NIC abschalten (Bezeichnungen variieren je Hersteller)
Get-NetAdapter -Physical | Set-NetAdapterAdvancedProperty -RegistryKeyword “*EEE” -RegistryValue 0
Get
Danach Neustart und Messung. Falls keine Verbesserung: Änderungen zurücknehmen.
4) Access‑Best‑Practices (sofort wirksam)
- Frontend pro Benutzer lokal (nicht gemeinsam vom Netzlaufwerk starten).
- Persistente Verbindung zum Backend: Beim Start eine unsichtbare „Hauptform“ öffnen, die eine Tabelle dauerhaft hält.
- Optionen: AutoNameCorrect aus, SubdatasheetName = None, „Open databases using record‑level locking“ aktivieren.
- Indizes: Alle Join‑ und WHERE‑Felder sauber indizieren.
- Kompakt/Reparatur regelmäßig außerhalb der Arbeitszeit (Frontend und Backend).
- Report‑Rendering: Standarddrucker testweise auf Microsoft PDF, falls Berichte träge wirken.
5) Nachhaltige Lösungen
- SMB over QUIC (ab Server 2025): Hohe Sicherheit und gute Performance ohne klassischen Signierungs‑Overhead im LAN/WAN‑Szenario.
6) Kompakte Checkliste
- Ist vs. lokal: Vorgang auf Share messen, dann mit lokalem Backend gegenprüfen.
- Schnelle Bremsen: LAN statt WLAN, Standarddrucker auf Microsoft PDF, AV‑Ausnahmen setzen, NIC‑Treiber aktualisieren.
- TCP‑AppliedSetting prüfen (Get‑NetTCPConnection).
- SMB‑Signierung kurz testen (Trusted LAN, sofort zurückbauen).
- TCP‑Handling konservativ optimieren (Datacenter/DCTCP/ECN – nur Client‑OS, mit Rollback).
- Access‑Best‑Practices: Lokales FE, persistente Verbindung, Indizes/Optionen, Kompakt/Reparatur.